Schon vor einem Jahr entstand der Eindruck, künstliche Intelligenz sei im Arbeitsalltag vieler Organisationen angekommen. Nach der Rückkehr von der GITEX Europe 2026 in Berlin zeigt sich jedoch ein anderes Bild: KI entwickelt sich so schnell weiter, dass Lösungen, die vor einem Jahr noch als fortschrittlich galten, heute bereits zum Ausgangspunkt werden. Besonders im Gedächtnis geblieben ist diesmal nicht die Technologie selbst, sondern die zunehmende Klarheit über ihre Rolle. Der Wert von KI bemisst sich nicht mehr daran, ob sie Bestandteil einer Lösung ist. Entscheidend ist, ob sie dabei hilft, Informationen schneller zu lesen, zu vergleichen, zu prüfen, aufzubereiten, zu unterzeichnen oder zu schützen.
Mehrere Entwicklungen auf der GITEX Europe 2026 knüpften an Beobachtungen an, die das Elpako-Team bereits bei der Identity Week Europe 2026 gemacht hatte. Digitale Identitäten werden zu einem zentralen Bestandteil moderner Infrastruktur. Qualifizierte elektronische Signaturen müssen reibungslos über Länder- und Systemgrenzen hinweg funktionieren. Einzelne technologische Komponenten reichen Organisationen zunehmend nicht mehr aus.
Auf der GITEX wurden diese Themen jedoch stärker aus der praktischen Perspektive betrachtet. Es ging weniger darum, wie eine digitale Zukunft aussehen könnte, sondern vielmehr darum, an welchen Stellen Technologie die tägliche Arbeit von Organisationen bereits heute verändert: bei der Dokumentenanalyse, der Abwehr von Cyberbedrohungen, der Absicherung digitaler Identitäten, der Datensouveränität und im Markt für Vertrauensdienste.
„Für mich hat die GITEX vor allem eines gezeigt: KI ist kein eigenständiges Innovationsthema mehr. Sie entwickelt sich zu einer operativen Ebene, die sich unauffällig in alltägliche Prozesse einfügt, etwa in Analysen, Prüfungen, die Dokumentenerstellung und die Entscheidungsfindung“, sagt Rokas Jašinskas, Business Development Manager bei Elpako.
Auf der TechTalk Stage der GITEX Europe 2026 in Berlin sprach Rokas Jašinskas über KI, digitales Vertrauen und
den praktischen Einsatz von Technologie in Unternehmens- und Verwaltungsprozessen.
KI schafft ihren größten Nutzen in konkreten Prozessen
Eine der deutlichsten Entwicklungen auf der GITEX Europe 2026 war der zunehmende Reifegrad bei der Einführung von KI. Organisationen diskutieren immer seltener über allgemeine KI-Strategien und konzentrieren sich stattdessen auf klar definierte Anwendungsfälle.
Besonders sichtbar war dieser Wandel im Dokumenten- und Wissensmanagement. Die auf der Messe vorgestellten Lösungen zeigten, wie KI die Erstellung und Analyse komplexer juristischer und administrativer Dokumente vereinfachen kann.
„Für uns ist das in ganz konkreter Weise relevant. Die Erstellung von Dokumenten, die Analyse von Verträgen oder die Ausarbeitung von Antworten auf öffentliche Ausschreibungen sind Bereiche, in denen KI den Menschen nicht ersetzen muss. Sie kann dabei helfen, Informationen schneller zu strukturieren und fundiertere Entscheidungen zu treffen“, erklärt Jašinskas.
Einen echten Mehrwert schafft KI dann, wenn sie manuelle Arbeitsschritte reduziert und Aufgaben beschleunigt, für die bisher zahlreiche Prüf-, Abstimmungs- und Freigaberunden erforderlich waren.

KI wird zum Werkzeug der Cyberabwehr
Eine der interessantesten Entwicklungen im Bereich Cybersicherheit war nicht die Erkenntnis, dass KI für Cyberangriffe eingesetzt werden kann. Das ist inzwischen offensichtlich. Wichtiger ist, dass Organisationen KI zunehmend selbst zur Verteidigung nutzen, etwa zur Erkennung von Bedrohungen, zur Priorisierung von Warnmeldungen, zur Untersuchung von Vorfällen und für schnellere Reaktionen.
Sicherheitsteams müssen täglich eine enorme Menge an Signalen, Warnungen und potenziellen Vorfällen bewerten. Die auf der GITEX vorgestellten KI-Lösungen zeigten, wie sich besonders relevante Bedrohungen schneller identifizieren, Informationen strukturieren und die Zeit zwischen einer ersten Warnung und einer konkreten Entscheidung verkürzen lassen.
„Für mich stand nicht die technologische Wirkung im Vordergrund, sondern der praktische Nutzen. KI kann Sicherheitsteams dabei helfen, schneller zu verstehen, was tatsächlich geschieht, und zu verhindern, dass sich ein Problem zu einem Vorfall entwickelt, der nur noch schwer einzudämmen ist“, sagt Justina Dešriūtė, Head of Product bei Elpako.
Auch in der Session „The CISO Crisis: Liability, Burnout & the New European Risk Landscape“ spielte die veränderte Rolle von Sicherheitsverantwortlichen eine zentrale Rolle. Mit wachsendem Regulierungsdruck, steigender technologischer Komplexität und zunehmender Verantwortung für Sicherheitsvorfälle kann die Position des CISO nicht länger rein technisch verstanden werden.
„Sicherheit ist längst nicht mehr nur eine Aufgabe der IT. Sie wirkt sich unmittelbar auf Reputation, Compliance, Geschäftskontinuität und Managemententscheidungen aus. Wer Verantwortung für Risiken trägt, muss auch tatsächlich an den Entscheidungen beteiligt sein, durch die diese Risiken entstehen oder begrenzt werden“, betont Dešriūtė.
Eine weitere wichtige Erkenntnis: Besonders gefährlicher Betrug wirkt immer seltener offensichtlich verdächtig. Stattdessen imitiert er das normale Verhalten eines Nutzers. Vertrauen darf deshalb nicht allein anhand eines Dokuments oder einer Anmeldung beurteilt werden. Entscheidend ist der gesamte Kontext, darunter das verwendete Gerät, die Umgebung, das Verhalten und das Risikoprofil des jeweiligen Prozesses.
Vertreter litauischer Technologieunternehmen auf der GITEX Europe 2026 in Berlin am gemeinsamen,
von INFOBALT organisierten Litauen-Stand.
Der Bedarf an elektronischen Signaturen bleibt hoch, eine API allein reicht jedoch nicht mehr aus
Eine bemerkenswerte Beobachtung auf der GITEX Europe 2026 war, dass es trotz der großen Zahl an KI-, Cybersicherheits- und Automatisierungslösungen vergleichsweise wenige Anbieter digitaler Signaturen und qualifizierter Vertrauensdienste gab. Gespräche mit Organisationen zeigten jedoch, dass der Bedarf in diesem Bereich weiterhin groß ist.
„Für mich war das eines der interessantesten Signale der Messe. Über KI, Sicherheit und Automatisierung wurde sehr viel gesprochen, Anbieter digitaler Signaturen und qualifizierter Vertrauensdienste waren dagegen weniger präsent. Im direkten Austausch mit Organisationen wird jedoch schnell deutlich, dass der Bedarf keineswegs verschwunden ist“, sagt Egidija Bieliauskienė, Leiterin Vertrieb und Geschäftsentwicklung bei Elpako.
Europäische Kunden suchen zunehmend nach Alternativen zu den großen US-amerikanischen Signaturplattformen. Für sie zählt nicht nur eine komfortable Unterzeichnung, sondern auch eine Lösung, die auf die europäischen regulatorischen Anforderungen ausgerichtet ist.
„Kunden wollen nicht mehr nur eine Schaltfläche mit der Aufschrift ‚Unterzeichnen‘. Sie fragen, wie die Identität geprüft wird, ob es sich um eine qualifizierte Signatur handelt, ob ein vollständiger Audit-Trail verfügbar ist, wie sich die Lösung in bestehende Prozesse integrieren lässt und ob sie die regulatorischen Anforderungen erfüllt“, erklärt Bieliauskienė.
Eine reine Signatur-API ist daher häufig nicht mehr ausreichend. Kunden erwarten eine umfassendere Lösung, die den gesamten Lebenszyklus eines Dokuments abdeckt, von der Datenerfassung und Dokumentenerstellung über die Unterzeichnung bis hin zu Speicherung, Validierung und Auditierung.
Auch die grenzüberschreitende Unterzeichnung bleibt ein zentrales Thema. Obwohl qualifizierte elektronische Signaturen in der Europäischen Union über eine klare rechtliche Grundlage verfügen, funktioniert die praktische Anwendung zwischen verschiedenen Ländern noch immer nicht so einfach, wie Organisationen es erwarten.
„Der europäische Markt braucht eine unkomplizierte Möglichkeit, qualifizierte elektronische Signaturen grenzüberschreitend zu nutzen. Der rechtliche Rahmen ist vorhanden, doch bei der Nutzererfahrung und der praktischen Umsetzung gibt es weiterhin Reibungspunkte. Elpako sieht darin eine natürliche Richtung für die weitere Entwicklung“, sagt Bieliauskienė.
Rokas Jašinskas unterschreibt auf Wunsch der Veranstalterin von Hand.
Für das Elpako-Team ist das inzwischen beinahe eine ungewohnte Erfahrung.
Deutschland bietet große Chancen, stellt aber auch hohe Anforderungen
Deutschland bleibt einer der interessantesten Märkte für Digitalisierungslösungen. Im öffentlichen Sektor beruhen noch immer viele Abläufe auf Papierdokumenten, manuellen Abstimmungen und fragmentierten Systemlandschaften. Lösungen, die einen mehrwöchigen Prozess auf wenige Minuten verkürzen können, bieten deshalb einen unmittelbar erkennbaren Mehrwert.
Gleichzeitig stellt der deutsche Markt hohe Anforderungen. Gute Funktionalität allein reicht nicht aus. Ebenso wichtig sind Lokalisierung, der Speicherort der Daten, die Einhaltung der DSGVO, nationale Sicherheitsanforderungen und das langfristige Vertrauen in den Anbieter.
„Wer in Deutschland lebt, erkennt schnell, dass gute Funktionen allein im öffentlichen Sektor nicht genügen. Organisationen wollen wissen, wo ihre Daten gespeichert werden, wie sie verarbeitet werden, ob eine Lösung auf das lokale regulatorische Umfeld zugeschnitten ist und ob dem Anbieter langfristig vertraut werden kann“, sagt Dešriūtė.
Datensouveränität entwickelt sich damit von einem technischen Vorteil zu einem konkreten Beschaffungskriterium. Für Elpako und NEVDA ergibt sich daraus eine klare Richtung: Neben den Produktfunktionen müssen auch länderspezifische Bereitstellungsmodelle, lokale Hosting-Möglichkeiten, europäische Infrastruktur und nationale regulatorische Anforderungen berücksichtigt werden.

Der Markt für Vertrauensdienste wird reifer
Die GITEX Europe 2026 machte außerdem einen umfassenderen Wandel im Markt für Vertrauensdienste sichtbar. Der europäische Markt für qualifizierte Vertrauensdienste reift und beginnt sich zu konsolidieren. Größere Anbieter bauen ihre Positionen aus, Zertifizierungsanforderungen werden anspruchsvoller und die Markteintrittsbarrieren steigen.
„Je reifer ein Markt wird, desto weniger Platz bleibt für isolierte oder improvisierte Einzellösungen. Kunden brauchen Anbieter, die Regulierung verstehen, über nachgewiesene Erfahrung verfügen und nicht nur eine einzelne Funktion anbieten, sondern eine zuverlässige Infrastruktur für digitale Prozesse“, sagt Bieliauskienė.
In den kommenden Jahren wird dieser Bereich noch stärker durch eIDAS 2.0, NIS2 und die wachsende Bedeutung der Sicherheit kritischer Infrastrukturen, digitaler Identitäten und von Vertrauensdiensten geprägt werden.
„Für uns ist entscheidend, dass Elpako nicht nur ein Werkzeug zum Unterzeichnen ist. Der Markt entwickelt sich in Richtung umfassender Lösungen, in denen Identitätsprüfung, Signatur, Compliance, Prozessautomatisierung und Integrationen zusammenspielen“, betont Bieliauskienė.

Mehr Sichtbarkeit für litauische Technologie in Europa
Die GITEX Europe 2026 war nicht nur wegen der technologischen Erkenntnisse wertvoll, sondern auch wegen der entstandenen Kontakte. INFOBALT spielte eine wichtige Rolle dabei, die Sichtbarkeit litauischer Technologieunternehmen zu erhöhen und internationale Beziehungen zu fördern.
Elpako nahm außerdem an einer Networking-Veranstaltung der Litauischen Botschaft in Deutschland teil. Dort bot sich die Möglichkeit, direkt mit deutschen Organisationen ins Gespräch zu kommen und ihre konkreten Digitalisierungsbedürfnisse besser zu verstehen.
„Solche Veranstaltungen sind nicht nur wegen neuer Kontakte wichtig. Im direkten Gespräch mit deutschen Organisationen erkennt man viel genauer, an welchen Stellen die Digitalisierung tatsächlich ins Stocken gerät und nach welchen Lösungen der Markt sucht“, sagt Jašinskas.
Während bei der Identity Week Europe 2026 vor allem digitale Identitäten, Wallets und Interoperabilität im Mittelpunkt standen, zeigte die GITEX Europe 2026 eine andere Seite derselben Entwicklung. Sie machte sichtbar, wie KI, Cybersicherheit, Dokumentenprozesse und Datensouveränität die tägliche Arbeit von Organisationen bereits heute verändern.
„Die GITEX hat bestätigt, dass Elpako und NEVDA nicht auf einzelne Funktionen setzen sollten. Entscheidend ist die Stärkung des gesamten Dokumentenprozesses, von der Erstellung und Identitätsprüfung über die qualifizierte Unterzeichnung und Speicherung bis hin zu Auditierung und Integration in andere Systeme“, fasst Jašinskas zusammen.
Genau darin sieht Elpako seine weitere Richtung: Lösungen zu entwickeln, bei denen die Unterzeichnung kein isolierter Schritt ist, sondern ein fester Bestandteil eines sicheren, vertrauenswürdigen und vollständig nachvollziehbaren Dokumentenprozesses.